Radeln wie ein König im Chiemgau
aus Chiemgau (Oberbayern)
eingestellt am 14.06.2011 von Maria Perreiter
Mit maßgeschneiderten Leihrädern durch unberührte Natur zu kulturellen Zielen. Die ADAC-Tourismuspreisträger additive bikes und Chiemgau Tourismus e.V. laden zu Rad-Kult[ur]-Tage im Chiemgau.
Eine goldbestickte Decke gleitet über den edlen Pferderücken. Die Kutsche ist gespannt. Der Abend dunkelt herauf. Wir schreiben das Jahr 1885. König Ludwig II., begibt sich in den Chiemgau. Ziel: Schloss Herrenchiemsee. Sein Märchenschloss – und ein bisschen auch das Schloss des französischen Sonnenkönigs - dessen Zeit aber bereits 200 Jahre zurückliegt. Der Zeitreisende besucht sein Versailles mitten im Chiemsee.
Auch 125 Jahre später fühlt man sich im Chiemgau königlich. Heute wartet das sportliche, mit Pferdestärken ausgestattete Gefährt, vor der Herberge. Über das bayerische Meer dämmert der Morgen herauf. Mit dem Pedelec, dem Zweirad der Zukunft folgt der Zeitreisende dem bayerischen Märchenkönig. Damals wie heute treffen sich im Chiemgau Märchenwelt und Moderne.
Früher Morgen in Seebruck. Die Sonne kriecht über das Ostufer. Sanft umspült das Wasser das Kiesbett. In der Ferne knattert leise das Fischerboot und vermischt sich mit dem Gemurmel der Wellen und dem Geschrei der Möwen. Am Hotel warten bereits vollbetankte Ausflugsräder. Pedelecs heißen die Fahrräder mit Akku-Antrieb, die an rund 50 Stationen im Chiemgau angemietet werden können. Für den frühen Morgen in Seebruck bedeutet das: aufsitzen, und losfahren. Der erste Antritt entlockt dem Radler ein entzücktes „Huch“. Dank der kleinen Batterie am Gepäckträger flitzt man mit bis zu 25 Stundenkilometer um den See.
Die erste Etappe führt von Seebruck nach Chieming. Am Ausgangsort ließen sich einst Kelten, dann Römer nieder. An der benachbarten Kirche entdeckt man Reste einer römischen Mauer. Während man über das Verhältnis von Zeit und Raum nachdenkt, schlängelt sich der Weg am Seeufer entlang, vorbei an vielen kleinen Badebuchten. Der lange Holzsteg in Schützing fordert zur Pause auf. Unvergesslich der Blick über den See auf die Chiemgauer Alpen. Nach dem Zwischenstopp geht es rund einen Kilometer weiter bis nach Chieming. Dort setzt man radlos mit dem Dampfer hinüber zur Herreninsel. Sanft schaukelt der Dampfer an Badegästen, Kanuten und Segelbötchen vorbei und nähert sich leise dem Heim Ludwig II.
Nach einem kurzen Fußweg – mit etwas Glück sieht man Rehe und Vögel – gelangt man zum Schloss. Wenn nicht die Außenflügel des Gebäudes fehlten, weil dem König damals das Geld ausging, gäbe es im Chiemgau einen Versailles-Zwilling. Bayerisches sucht man vergeblich. Alles erinnert an die absolutistische Herrschaft des französischen Sonnenkönigs: Gold, Marmor, Kronleuchter, Porzellan und wieder Gold. In den vollendeten Räumen des Schlosses zeigt sich die opulente Märchenwelt des bayerischen Visionärs. Vielleicht Geschmackssache – aber unbestreitbar sind Feinsinnigkeit und Technikverständnis des Monarchen. Man bestaunt unendliche Spiegelungen und im Boden versenkbare Esstische. Man wundert sich über ein winzig wirkendes Bett, in dem doch ein 1,92 Meter großer König schlummerte und bewundert eine große blaue Kugel am Fuße des Nachtlagers, die sich als Nachtlämpchen entpuppt. So fortschrittlich wir uns beim Radeln mit den Pedelecs gefühlt haben, so fortschrittlich war Ludwig II. allemal. Nach den Prunkräumen kommt man in den unvollendeten Teil des Schlosses, in dem das Haus der Bayerischen Geschichte zum Ludwig-Jahr 2011 die Landesausstellung „Götterdämmerung. König Ludwig II. und seine Zeit“ zeigt. Äußerer Anlass für die multimediale Ausstellung, die sich zeitgemäß dem Mythos Ludwig II. nähert, ist der 125. Todestag des Königs. Nach dem Kulturerlebnis tafeln Königsanwärter im Schlosshotel. Zum allerdurchlauchtesten Wohle!
Ob das Schiff einen nach Chieming führt und man dann weiterradelt oder ob es auf direktem Weg nach Seebruck geht, entscheidet Eure Hoheit selbst.
